Die Diskussion über Google Street View in Deutschland
Google möchte noch dieses Jahr in Deutschland seinen Kartendienst um Straßenansichten erweitern. Die Ankündigung hat eine große Diskussion ausgelöst.
Wie Google diese Woche bekanntgegeben hat, wird noch in diesem Jahr Google Street View auch in Deutschland frei geschaltet. Dabei handelt es sich um eine Erweiterung zu Googles Kartendienst Google Maps, bei der Ansichten in 360°-Panoramabildern aus Straßenperspektive dargestellt werden.
Nun regt sich in der deutschen Politik schon seit mehreren Jahren ein gewisser Unmut über die Interpretation von Google hinsichtlich des Datenschutzes. Nach Meinung vieler Politiker widerspricht Google Street View den deutschen Datenschutzgesetzen in vielen Punkten. Insofern ist es jetzt auch nicht verwunderlich, dass nun gar Verbote seitens der Politik gefordert werden.
Auf der anderen Seite steht der kleine Kreis deutschen Netzaktiven, die sich beruflich mit Web und dessen Technologien beschäftigt. Diese lehnen natürlich Behinderungen oder gar Verbote von Google Street View durch die deutsche Politk völlig ab und feiern stattdessen die Erweiterung von Google Maps als Innovationsmotor für die deutsche Wirtschaft.
Mitten drin steht die deutsche Bevölkerung, die angetrieben von Politik, Netzaktiven und schließlich auch den Medien mittlerweile gar nicht mehr weiß, wie es Google Street View einschätzen soll.
Beispiel von Google Street View: Größere Kartenansicht laden
Mir persönlich ist es egal, ob ich Google Street View auch in Deutschland nutzen kann oder nicht. Ich vermute, dass ich eine kurze Zeit lang - ähnlich wie damals bei Google Earth - mir bekannte Straßenzüge aufsuchen werden und dann den Service ganz schnell wieder vergessen werde. Ich sehe je nach Szenario weder den deutschen Datenschutz bedroht noch die deutsche Internetwirtschaft. Allerdings kann ich auch jeden verstehen, der Begeisterung oder Unwohlsein zeigt.
Was mir jedoch die Diskussion über Google Street View wieder einmal zeigt, ist, dass in Deutschland die Netzaktiven und die Politik einfach nicht miteinander reden können. Letztes Jahr ging es um die Internetsperren zur Verhinderung von Kinderpornographie, dieses Jahr ist das Thema eben Google. Bei dem einen Thema kann die Initiative durch die Politik, beim anderen quasi durch das Netz.
Und ich bin mir nicht sicher, ob daran wirklich die Politik allein Schuld trägt.
Ich finde es beispielsweise verwunderlich, dass Google seinen Dienst ausgerechnet in der Sommerpause des politischen Berlins und der zuständigen MinisterInnen angekündigt, obwohl es genau weiß, dass der Dienst unter sehr genauer Beobachtung seitens der Politik steht. So ein Detail ist sicherlich nicht entscheidend, aber es zeigt meiner Meinung nach ganz gut, wie man miteinander umgeht. Zudem kann ich mich nicht daran erinnern, dass Google selbst aktive Aufklärungsarbeit im großen Umfang geleistet hat. Mal von der Cebit für Fachpublikum abgesehen. Der Datenschutz ist in Deutschland wie in kaum einem anderen Land heilig. Selbst wenn er im Laufe der Jahre etwas brüchig geworden ist. Aber von einem Weltkonzern wie Google erwarte ich eigentlich, dass er auf die örtlichen Befindlichkeiten eingeht und sowohl in der Politik eine bessere Lobbyarbeit leistet als auch versucht, die sensible unaufgeklärte Bevölkerung entsprechend mitzunehmen. Erst jetzt mit großen Anzeigen in diversen Zeitungen für Google Street View zu werben und auf die Einspruchsfrist hinzuweisen, halte ich für einen Fehler. Zumal ein Großteil der Bevölkerung immer noch nicht weiß, was Street View eigentlich für die Allgemeinheit und einen persönlich bedeutet. Gerade in so einem sensiblen Bereich wie dem Datenschutz ist die von Google gezeigte Herangehensweise entweder völlig naiv oder sie zeigt eben, dass Google auf die örtlichen Befindlichkeiten keinen großen Wert legt. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Google von seinem Service so überzeugt ist, so dass sich dort keiner überhaupt vorstellen kann, dass der Service bei anderen vielleicht auch innere Unruhe auslösen kann.
Einer ähnlichen Überzeugung müssen auch die deutschen Netzaktiven unterliegen. Die Art und Weise, wie über die vermutete Unkenntnis von Politikern sowie von Teilen der Bevölkerung gelästert wird, finde ich grenzwertig. Einen sehr schönen Kommentar hat dazu Gerrit van Aaken in seinem Blog veröffentlicht, dem ich mich voll und ganz anschließen kann:
Nicht in Ordnung finde ich jedoch die hämischen Reaktionen auf die geäußerten Ängste der Otto-Normal-Bürger. Das wichtigste Argument gegen Streetview ist offenbar die Angst, dass Einbrecher das eigene Haus und die Gegend via Browser in Augenschein nehmen können, und für erste Vorplanungen ihrer Einbrüche nutzen. Ich finde das keinen allzu blödsinnigen Aspekt. Mal ehrlich – wie gut kennt Ihr euch aus im Einbrecherbusiness? Warum wisst ihr alle so genau, dass diese Vorstellung Schwachsinn ist? [...] Sehr viel gelacht wird über diesen Zeitungsbeitrag, wo die Streetview-Gegner im gesetzten Alter vor ihrem Haus abgelichtet sind. »Haha, wie blöd kann man sein!« Sehe ich anders. Streetview-Kritiker sind in der Regel nicht grundsätzlich dagegen, dass ihre Fassade von anderen Menschen fotografiert wird, sondern dass vollständiges Bildmaterial an zentraler Stelle, systematisch und korrekt verortet, erfasst und zur Verfügung gestellt werden. Das Foto mit den Rentnern in RP-online: Keine Ahnung, wo das genau ist. [...]
Quelle: praegnanz.de: Mal 'ne differenzierte Meinung zu Streetview gefällig?
Statt zu Lästern und sich über die Beschränktheit der anderen lustig zu machen, wäre Eigeninitiative seitens der Netzaktiven doch mal etwas neues und vor allem auch konstruktives. Warum organisieren sich nicht kleine örtliche Gruppe, um gemeinsam einen Stand in der Fußgängerzone ihrer Stadt aufzustellen und um dann die Bevölkerung von Google Street View mit Argumenten zu überzeugen? Auch wenn so eine Aktion sicherlich nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein wäre, fände ich diese immer noch besser als alles vorherige. Und das es möglich ist, eine solche Aktion kurzfristig durchzuführen, hat die Piratenpartei letztes Jahr eindrucksvoll bewiesen.
Vielleicht ist ja auch gar nicht die Politik allein beschränkt, sondern auch die Netzaktiven selbst. Ich glaube nämlich, dass sich die Politik mittlerweile viel intensiver mit dem Netz beschäftigt hat als die Netzaktiven mit politischer Gestaltung. Natürlich agiert sie in vielerlei Hinsicht noch unglücklich und manche Kommentare zeigen auch puren Aktionismus, dennoch bin ich zuversichtlich, dass sich die deutsche Politik dem Thema Netzpolitik immer besser und fundierter annehmen wird. Ob die Resultate dann aber auch von den Netzaktiven unterstützt werden, steht auf einem anderen Blatt.
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