Bundestagswahlen 2005 - eine Chance für Weblogs?

Autor: Sven Przepiorka
Veröffentlichung: 02.06.2005

Mit seiner unerwarteten Ankündigung von vorgezogenen Neuwahlen auf Bundesebene hat Gerhard Schröder nach der verlorenen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen nicht nur ein politisches Erdbeben ausgelöst. Auch in der deutschen Blogosphäre gibt es einige, die sich dadurch den erhofften Aufschwung in der Wahrnehmung und Nutzung von Weblogs erhoffen.

Momentan gibt es zwar in Deutschland über 50.000 Weblogs. Doch den größten Anteil haben die Weblogs, die wie ein privates Tagebuch von überwiegend jugendlichen Autoren geführt werden. Insgesamt gesehen haben Weblogs in Deutschland noch eine geringe Wahrnehmung in der Öffentlichkeit.

Angeregt durch eine heftige Diskussion nach einem Vortrag des Journalisten Jochen Wegner auf der "Les Blogs"-Konferenz in Paris, wo dieser eine Unterentwicklung der deutschen Weblog-Szene gegenüber anderen Ländern feststellte, erhoffen sich einige bekannte Blogger mit der Bundestagswahl nun das Ereignis, mit dem es gelingt, ein größeres Bewusstsein für Weblogs in Deutschland zu schaffen. In ihren Hoffnungen fühlen sich diese Blogger vor allem auch deswegen bestätigt, weil in den USA bereits vor einem Jahr Weblogs im Präsidentschaftswahlkampf zwischen George Bush und John Kerry ein bedeutende Rolle eingenommen haben. Zum ersten Mal in der kurzen Geschichte von Weblogs wurde es deutlich, wie diese und klassische Massenmedien gemeinsam eine politische Öffentlichkeit konstituieren können.

Klassische Massenmedien und Weblogs können
eine politische Öffentlichkeit konstituieren

Politikerblogs in Deutschland

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sieht es mit Weblogs, die von deutschen Politikern geführt werden, eher mager aus. Gerade mal drei von insgesamt 601 Bundestagsabgeordneten haben bereits ein eigenes Weblog.

So betreibt beispielsweise Hans-Joachim Otto von der FDP, der in seiner Fraktion u.a. zuständig für Neue Medien ist, seit Februar 2005 seine Website auf Basis eines Weblogs. In den fünf unterschiedlichen Themengebieten Internet, Kultur, Politik, Politiker und Medien verfasst Hans-Joachim Otto dabei eigene Beiträge und tritt darüber mit seinen Lesern in Kontakt. In der SPD-Bundestagsfraktion findet man die beiden restlichen von Bundestagsabgeordneten geführten Weblogs. Sie werden von Ulrich Kelber und Axel Schäfer betrieben.

Es scheint, als ob im Bundestag die Bereitschaft der Abgeordneten, ein eigenes Weblog zu führen, noch nicht sehr ausgeprägt ist. Neben den USA ist man in anderen europäischen Ländern bereits in dieser Entwicklung ein Schritt weiter. So bloggen beispielsweise in den Niederlanden mehrere Minister, auf EU-Ebene sogar die Kommissarin Margot Wallström und in Österreich führt die Wiener Stadtparlamentarierin Marie Ringler per Handy ihr eigenes Weblog. Eine solche Fülle von Weblogs, die durch Politiker geführt werden, findet man in Deutschland vergebens.

Erst ein genauer Blick auf die zuletzt geführten Wahlkämpfe in Deutschland zeigt, dass Weblogs durchaus schon ihren Einzug ins politische Umfeld vollzogen haben. Der SPD-Kandidat Thomas Mirow führte beispielsweise 2004 ein erfolgreiches Weblog während des Wahlkampfes in Hamburg und bot sogar seinen Wahlkampfhelfern an, ein eigenes Weblogs schreiben zu können. Auch im vergangenen Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen konnte man bei der SPD ein viel beachtetes Weblog finden. Durch umfangreiche Berichterstattungen von Wahlkampfveranstaltungen oder auch durch die begleitenden Diskussionen zu den Fernsehduellen wurden die Leser erfolgreich an das neue Medium Weblog herangeführt.

Diskussion zu den Politikerblogs

Wie die bereits erfolgreichen Umsetzungen von Politikerblogs gezeigt haben, können sich Weblogs durchaus auch für den Bundestagswahlkampf eignen. Alle Kandidaten würden beispielsweise so eine preisgünstige Möglichkeit erhalten, mit ihren Wählern direkt zu kommunizieren und auch zu diskutieren. Doch die eigentliche Frage ist, ob sie dies überhaupt wollen und ob das Internet dafür das richtige Medium ist.

In der Regel muss jeder Kandidat für den Bundestag zunächst nur seinen eigenen Wahlkreis pflegen und dort um jede Stimme kämpfen. Allein schon diese Tatsache, dass eben der Wahlkampf eines einzelnen Politikers nur in seinem Wahlkreis geführt wird, beschränkt das mögliche Leserpotenzial eines Politikerblogs erheblich. Zudem ist der Anteil der Bevölkerung, der regelmäßig das Internet über Amazon und Ebay hinaus nutzt, immer noch sehr gering. Die Aufmerksamkeit für den eigenen Wahlkampf und dann auch für das Wahlkampf begleitende Weblog kann daher immer nur über traditionelle Kanäle wie Erwähnungen in örtlichen Zeitungen oder Auftritten in der Fußgängerzone geschaffen werden. Erst wenn der eigene Wahlkampf am Laufen ist, kann das Politikerblog eine Rolle als unterstützendes Medium einnehmen.

Erst wenn der eigene Wahlkampf am Laufen ist, kann das
Politikerblog eine Rolle als unterstützendes Medium einnehmen.

Eine wesentliche Bedeutung kommt dabei der Kommentarfunktion eines Weblogs zu. Schließlich erhält dadurch der Leser erst die Möglichkeit, im Internet aktiv an politischen Diskussionen teilzunehmen. Obwohl die Kommentarfunktion sicherlich die wichtigste Funktion eines Politikerblogs sein kann, stellt sie aber auch das größte Problem für den Politiker dar. Auf politischen Webseiten wird sehr gerne heftigst von politisch andersdenkenden kommentiert. Teilweise geschieht dies sogar so heftig, dass dadurch mögliche Leser abgeschreckt werden können. Wer gelegentlich mal die Foren von den führenden Parteien in Deutschland besucht, ahnt schnell, was damit gemeint sein kann: Hasstiraden gegenüber Personen, Holocaust-Leugnungen und Morddrohungen sind dort keine Seltenheit. Die einzige Möglichkeit diesem Problem entgegen zu treten, liegt in der Moderation der Kommentare durch den Politiker oder seiner Mitarbeiter. Jedoch lässt dies schnell auch eine Zensur gegenüber der gemäßigt politisch andersdenkenden vermuten - auch wenn dies eigentlich nicht der Fall ist. Die Auswahl von geeigneten Kommentaren ist aber alles andere als einfach. Ist ein Kommentar mit dem Text "Die Partei XY ist Schuld an ..." für die politische Diskussion fördernd oder doch nur sinnlos?

Darüber hinaus erzeugt eine Kommentarfunktion auch eine gewisse Erwartungshaltung an den Politiker. Jeder Kommentator erwartet auch, dass auf sein Kommentar auch eine Reaktion erfolgt. Zumindest in Form eines weiteren Kommentars. Doch ist dies für einen Politiker mit seinem Wahlkampfteam zeitlich überhaupt möglich und sinnvoll? Der Wahlkampf wird auf Grund der beschränkten Zielgruppe nicht im Internet, sondern auf mehr oder weniger persönlichen Veranstaltungen gewonnen. Und wenn man dennoch den Erwartungen im Internet gerecht werden möchte und beim Antworten auf ebenso plakative Kommentare verzichten und dafür eher sachlich antworten möchte, dann kann dies bei einem stark frequentierten Politikerblog schnell in stundenlanger Arbeit ausarten. Und dies, obwohl der Nutzen dabei auch als fraglich angesehen werden kann. Die eigentliche Zielgruppe im Wahlkampf ist für den einzelnen Politiker sein eigener Wahlkreis. Im Internet kann aber jeder die Kommentarfunktion nutzen - eben auch wenn er nicht dem Wahlkreis des Politikers angehört. Der Kandidat für den Bundestag muss nicht mit allen möglichen Leute im Internet kommunizieren. Seinen Wahlkreis erreicht er möglicherweise auf anderen Wegen gezielter. Für den Politiker kann ein überregionaler Wahlkampf eigentlich nur dann interessant sein, wenn er entweder ein überregionaler Politiker aus der ersten Reihe einer Partei ist oder wenn es sein erklärtes Ziel ist, über eine gute Platzierung innerhalb der Landesliste in den Bundestag gewählt zu werden.

In der Regel kann ein Politikerweblog erst mittelfristig, wenn der Kandidat erfolgreich in den Bundestag gewählt wurde, auch über den Wahlkreis des Politikers hinaus interessant werden. Politiker können sich so beispielsweise auch auf Parteiebene ein Gehör verschaffen. Oder sie können auch dann über ihre Bedeutung bei den Fraktionsarbeitsgruppen- und Ausschussarbeit informieren und sich so als Fachpolitiker öffentlich positionieren. Zudem erweisen sich dann Weblogs erst wirklich als eine kostengünstige Möglichkeit, die interessierte und durch den Wahlkampf angesprochene Wählerschaft über die eigene politische Arbeit in Berlin zu informieren. Die anderen klassischen Medienkanäle versiegen nach einer Wahl genauso schnell wie sie vorher entstanden sind.

Das größte Problem bei allen Überlegungen mit Politikerweblogs ist jedoch deren Identität. Viele Blogger erhoffen sich durch Politikerweblogs nicht nur eine Möglichkeit, interaktiv durch eigene Kommentare und Verlinkungen an der Politik teilnehmen zu können. Sie erhoffen sich auch, dass die Politiker selbst an der politischen Diskussion in fremden Weblogs teilnehmen bzw. zumindest darauf verlinken. Zur Zeit ist es jedoch in Weblogs kaum möglich, die Identität eines Kommentators zu gewährleisten. Im Grunde genommen kann jeder mit dem Namen eines Politikers auf fremden Webseiten kommentieren. Wenn ein Politiker aber generell nicht kommentiert, ist klar, dass wenn ein Kommentar auftaucht, der Politiker es nicht selbst war. Das senkt grundsätzlich das Risiko. Würde er dagegen "draußen" kommentieren, würde es viel schwieriger zu kontrollieren, wer sich alles der eigenen Identität bemächtigt und unechte Aussagen in die Welt setzt.

Darüber hinaus erwarten Blogger auch von Politikerweblogs eine gewisse Authentizität bei den veröffentlichten Texte. Sie erwarten Aussagen und Positionen, die nicht wie gewöhnliche Politikeraussagen daherkommen, sondern direkter, persönlicher und authentischer sind. Nur wie soll es einem Politiker gelingen, beim Schreiben von weblog-typischen Texten nicht plakativ zu werden, wenn dies gerade das Typische an Weblogs ist?

Parteipolitische Weblogs

Eine bessere Einsatzmöglichkeit von Weblogs im politischen Umfeld stellen dagegen die parteipolitischen Weblogs, in denen sich die Mitglieder einer Partei zu einem vordefinierten Schwerpunkt organisieren. Die Schwerpunkte können dabei von der Partei an sich bis hin zu speziellen Fachthemen gestreut sein. Viele Probleme, die bereits bei den Weblogs für einzelne Politiker dargestellt wurden, treten zwar auch hier auf, aber der Aufwand und das Risiko dafür verteilt sich auf mehreren Schultern.

Private Weblogs mit politischen Themen

Neben den von Politikern initialisierten Weblogs bieten aber vor allem die privaten Weblogs mit ihrem Tagebuchcharakter und deren Auseinandersetzung mit der bevorstehenden Bundestagswahl die eigentliche Chance, dass sich die Wahrnehmung von Weblogs auch in Deutschland erhöht. Im Prinzip hat jeder Bürger durch sein eigenes Weblog die Möglichkeit, seine eigene politische Meinung zu äußern und an der politischen Diskussion über den zukünftigen Weg von Deutschland teilzunehmen. Durch das gegenseitige Verlinken und Hinterlassen von eigenen Kommentaren entsteht im Laufe der Zeit ein engmaschiges Netzwerk von politischen Themen und Meinungen. Dieses Netzwerk hilft schließlich anderen Privatpersonen, Journalisten, aber auch Suchmaschinen die wirklich interessanten und diskussionswürdigen Texte im Internet zu finden und so die politische Diskussion weiter voranzutreiben.

Im Prinzip hat jeder Bürger durch ein Weblog
die Möglichkeit, seine eigene politische Meinung zu äußern.

Schon kurz nach Ankündigung der vorgezogenen Bundestagswahlen sind bereits durch Initiative etablierte Blogger einige vielsprechende Weblogs mit politischen Bezug entstanden. Dazu gehören beispielsweise das Wahlblog von Nico Lumma, das WebSozisBlog von Thomas Vogt, das Wahlblog 05 von iDemokratie.de und schließlich auch das Handelsblatt Wahlblog.

Chancen für Politiker

Für den interessierten Politiker ergibt sich auf Grund der natürlichen Selektion durch das Netzwerk sogar die Möglichkeit, das politische Meinungsbild an der Basis kostengünstig und effektiv analysieren zu können, um so Trends schneller wahrnehmen zu können. Zudem kann der Politiker durch das Beobachten anderer Weblogs unter Umständen auch erfahren, wie beispielsweise seine eigene Wahlkampagne in der Öffentlichkeit ankommt. In der Not kann er so frühzeitiger auf schädliche Entwicklungen in der Wahrnehmung seiner Arbeit reagieren und seine Wahlkampagne dementsprechend anpassen. Ein guter Anlaufspunkt kann dabei die auf Tagging spezialisierte Webseite bloggeria.de mit seinem Spezial zu den anstehenden Bundestagswahlen werden.

Fazit

Man kann erwarten, dass in den nächsten Wochen zahlreiche Partei- bzw. Politikerweblogs in Deutschland entstehen werden. Doch es wird fraglich sein, ob diese tatsächlich die Wahlergebnisse oder zumindest die politische Diskussion in Deutschland bis zur Wahl im September 2004 beeinflussen können. Der eigentliche Nutzen der Weblogs wird in der Regel erst nach der Wahl eintreten, wenn Weblogs durch die Politiker als kostengünstiges und einfaches Medium angesehen werden, mit dem Wähler nachträglich in Kontakt zu treten.

Viel interessanter werden aber die bereits etablierten Weblogs sein, die sich aus der Sicht von Privatperson mit dem Bundestagswahlkampf und den daraus resultierenden politischen Themen befassen. Durch den freieren Umgang mit der eigenen politischen Meinung und der bereits in der Vergangenheit geübte Umgang mit den Möglichkeiten eines Weblogs, wie beispielsweise Kommentare oder auch Trackbacks, wird es diesen Weblogs sicherlich gelingen, die politische Diskussion auch in den Medien zu beeinflussen.

Hinweis

Bitte beachten Sie, dass dieser Text noch nicht als fertig angesehen werden kann. Die Entwicklungen in diesem Themengebiet sind noch sehr frisch und daher wird der Text noch ständig angepasst werden.

Weiterführende Literatur

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