Publikationen - Warblogs
Autor: Sven Przepiorka
Veröffentlichung: 28.03.2003
Letzte Änderung: 27.04.2004
Das Aufkommen sogenannter Warblogs hat den Weblogs einen bisher unerreichten Auftrieb gegeben. Seit dem Irak-Krieg im März 2003 berichten selbst renommierte Zeitschriften wie der Spiegel und die Financial Times intensiv über diese spezielle Ausprägung von Weblogs. Doch was versteht man eigentlich unter Warblogs?
Definition
Im Unterschied zu den thematisch im IT-Bereich angesiedelten Technik-Blogs und den privaten Tagebuch-Blogs, die die Weblog-Szene lange Zeit dominierten, widmen sich Warblogs hauptsächlich der Aufarbeitung des Attentats vom 11. September 2001 und den darauf folgenden Kriegen gegen den Terrorismus.
Geschichte
Schon bevor die Auswirkungen der Terrorattacken auf das World Trade Center sichtbar wurden, berichteten bereits viele Blogger in ihren Weblogs schneller, persönlicher und direkter über das Geschehen in New York, als man dies durch herkömmliche Medien gewohnt war. Während kommerzielle Nachrichten-Angebote aufgrund der hohen Anzahl von Seitenaufrufen nicht mehr im Internet verfügbar waren, erwies sich die dezentrale Struktur von Weblog-Netzwerken als optimal. Durch das Verweisen auf Berichte anderer Weblogs verteilte sich die Zugriffsfrequenz und garantierte so eine hohe Verfügbarkeit und Aktualität.
Während des anschließenden Afghanistan-Krieges im Winter 2001/2002 versuchten amerikanische Zeitungen und Fernsehsender, sich gegenseitig mit Patriotismus und Regierungsfreundlichkeit zu überbieten. Ausländische Medien wurden dagegen in ihrer journalistischen Berichterstattung behindert und als Teil der psychologischen Kriegsführung missbraucht. Die meisten Weblogs blieben dagegen sehr facettenreich. Wer in den USA wirklich informiert sein wollte, konnte mit Hilfe von Weblogs hervorragende Beiträge von amerikanischen Intellektuellen erhalten, die sonst in keiner der großen Zeitungen abgedruckt worden wären.
Charakteristika
Die Charakteristika von Warblogs gegenüber herkömmlichen Nachrichtenquellen sind nahezu identisch mit den Vorteilen von Weblogs. So gelten beispielsweise folgende Aussagen:
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Warblogs informieren schneller
Aufgrund der starken Verlinkung untereinander und der Schaffung von zentralen Linklisten, die wie ständig aktualisierte News-Ticker arbeiten, verbreiten sich Informationen in Warblogs meist schneller als in professionellen Magazinen. -
Warblogs schreiben vielfältiger
Die Betreiber von Warblogs werden nicht durch das Diktat eines Chefredakteurs gebändigt, und können daher die Meinungen und Gedanken einer weltweiten Internet-Gemeinschaft darstellen. Zudem gibt es keine vordefinierten wirtschaftlichen Interessen. -
Warblogs sind unkontrollierbar
Die Struktur von Weblog-Communities ist sehr dezentral aufgebaut. Typischerweise werden Berichte anderer Warblogs beim Verweisen durch die Blogger zitiert und kommentiert. Dadurch entstehen zahlreiche Kopien der wesentlichen Aussagen auf ebenso zahlreichen Servern, die sich dann sogar noch auf mehrere Länder verteilen können. Für die Träger der staatlichen Gewalt wird es daher nahezu unmöglich, diesen Informationsfluß zu steuern. -
Warblogs sind interaktiv
Bei den meisten Warblogs ist es möglich, dass die Leser die geschriebenen Texte kommentieren können. Dadurch besteht in einem Warblogs die Chance, dass nicht nur neue Informationen in chronologischer Reihenfolge einmalig vom Autor veröffentlicht werden, sondern dass sich diese Informationen durch Mitwirkung der Leser weiterentwickeln können. So können unerwartete Handlungsstränge entstehen, die gegebenenfalls ein erheblichen Mehrwert darstellen können.
Ob die genannten Aspekte alle auch vorteilhaft sind, lässt sich nicht pauschal sagen. Beispielsweise kann es in gewissen Situationen sehr sinnvoll sein, einen Chefredakteur als letzte Instanz vor der Veröffentlichung zu haben. Meist wird dadurch die Qualität der Informationen erhöht. Auch die Interaktivität der Warblogs kann manchmal nachteilig sein, da die persönlichen Kommentare der Leser von der eigentlichen sachlichen Information ablenken können.
Beispiele
Einer der erfolgreichsten Warblogger ist Glenn Reynold. Der Professor für Verfassungsrecht an der University of Tennessee stellte im August 2001 erstmals einen Beitrag ins Internet und verzeichnet inzwischen täglich über 50.000 Seitenaufrufe.
Das bekannteste Warblog aus dem Irak-Krieg 2003 ist das Weblog von Salam Pax, der täglich aus Bagdad über die aktuelle Kriegsentwicklung und deren Auswirkung auf die Zivilbevölkerung berichtet. Durch seine persönliche Berichte über das Leben innerhalb eines Kriegsschauplatzes und dem leidenschaftlichen Dementieren von CNN-, BBC oder Al Dschasira-Nachrichten hat er weltweit zahlreiche Fans gewonnen. Allerdings steigen mit dem schnell wachsenden Bekanntheitsgrad auch die Zweifel an der Authentizität des Bloggers.
Bekannt ist nur, dass "Salam Pax" ein Pseudonym für einen unbekannten Autors ist. Viele Leser gehen in ihren Vermutungen über seine Identität sogar soweit, dass sie meinen, er sei nicht mehr als eine Erfindung der CIA oder des israelischen Geheimdienstes Mossad.
Neben den Warblogs, die den Charakter eines persönlichen Kriegstagebuch haben, gibt es zusätzlich auch noch Warblogs, die sich ausschließlich auf das Sammeln von aktuellen Kriegsberichten spezialisiert haben. Zu den bekanntesten Linklisten gehören beispielsweise die Websites Warblogging.com und Warbloggs.cc. Das derzeit bekannteste Warblog aus dem deutschsprachigem Raum ist der Rollberg, dem sich mittlerweile mehrere Blogger angeschlossen haben.
Eine Liste mit weiteren Beispielen für Warblogs, die sich überwiegend mit dem Thema Irak-Krieg befassen, kann man beispielsweise im Weblog Cyberwriter finden.
Fazit
Warblogs revolutionieren sicherlich nicht die Berichterstattung in Kriegszeiten. Auch vor den Warblogs gab es bereits Vor-Ort-Berichte, Kommentare, etc in beispielsweise Zeitungen und Fernsehen. Viel mehr erweitern sie die Berichterstattung nur um die Vorteile, die Weblog-Systeme grundsätzlich bieten: noch nie war es so einfach, Informationen zu geringen Kosten einem weltweiten Publikum anzubieten und eine eventuelle Diskussion anzustoßen. Allerdings sollte man auch beachten, dass es ebenfalls noch nie so einfach war, bewusst oder unbewusst Desinformationen zu verbreiten. Daher ist es bei jedem Besuch eines Weblogs empfehlenswert, die Nerven zu behalten und sich nicht den gesunden Menschenverstand vernebeln zu lassen. Man sollte sich immer die Frage stellen: Wer verbreitet welche Nachrichten und warum? Und vor allem sollte man immer daran denken, dass auch diese neue Kommunikationsart ausschließlich vom Krieg und den daraus resultierenden Folgen lebt. Wer meint, die durch den Beginn des Krieges verlorene Wahrheit in einem Warblog wiederzufinden, der hat schon verloren...
