Publikationen - Weblogs - eine Einführung

Autor: Sven Przepiorka
Veröffentlichung: 01.03.2003
Letzte Änderung: 26.08.2004

Im Laufe der letzten Jahre hat sich das Internet zu einem wichtigen Bestandteil der modernen Gesellschaft entwickelt. So nutzen beispielsweise Millionen von Menschen die Vorteile des WWW, indem sie sich schnell und unkompliziert über aktuelle Themen informieren. Und jeden Tag kommen tausende Informationen in Form von neuen Webseiten hinzu. Nachdem es in den Anfangsjahren nur wenigen Personen möglich war, eigene Inhalte im WWW zu veröffentlichen, ist heute fast jeder dazu in der Lage. Die einzigen Voraussetzungen sind nur noch ein Internet-Zugang und eine spezielle Software zum Schreiben von Texten. Neben den klassischen Content-Management-Systemen hat sich eine neue, moderne Form des Publizierens im Internet entwickelt: Weblogs.

Definition

Die Definitionsversuche für den Begriff Weblog gehen teilweise recht weit auseinander. Nahezu jeder Betreiber eines Weblogs, der umgangssprachlich auch Blogger genannt wird, definiert den Begriff anders. Als wesentlichste Gemeinsamkeit lässt sich nur festhalten, dass es sich bei Weblogs um Webseiten handelt, auf denen Informationen in chronologischer Form aufgelistet werden, die hohe Linkdichte besitzen und meist durch die Leser kommentierbar sind. Dem Inhalt sind dabei keine Grenzen gesetzt - außer durch die persönlichen Fähigkeiten des Bloggers. In den meisten Fällen bestehen Weblogs aus stets aktuellen Beiträgen, die eher persönliche Meinungen als neutrale, sachliche Informationen wiedergeben. Thematisch findet sich in Weblogs eine beachtliche Streubreite. Diese reicht von einfachen Linksammlungen, die das Surfverhalten des Autors dokumentieren, über sehr fachspezifische Beiträge bis hin zu persönlichen Tagebüchern.

Um das Publizieren zu erleichtern, werden häufig spezielle Content-Management-Systeme eingesetzt, die auf die wesentlichsten Funktionen abgespeckt wurden. Sie beschränken sich dabei nur auf Basis-Elemente wie beispielsweise Texte und Bilder.

Geschichte/Entstehung

Das erste Weblog wurde von Tim Berners-Lee, dem Erfinder des WorldWideWebs, in den frühen 90er Jahren eingerichtet. Auf der Website http://info.cern.ch erwähnte er alle neuen Websites und es entstand dadurch eine stets aktuelle und chronologisch angeordnete Liste existierender Websites. Auch die „Whats’ New Page“ von Netscape war eine Art Vorläufer von heutigen Weblogs. Im Zeitraum 1993-96 wurden hier insbesondere Hinweise zu interessanten Links mit einer kurzen Inhaltsangabe veröffentlicht. Im Allgemeinen setzt man jedoch den Beginn der Weblog-Ära mit dem Jahr 1997 an. Zu dieser Zeit entwickelte sich mit Scripting News und Camworld eine erste, übersichtliche Community.

Damals konnten Weblogs nur von den wenigen Leuten erstellt werden, die bereits genügend Fähigkeiten hatten, eine eigene Webseite mit Hilfe eines Editors zu gestalten. Dies änderte sich jedoch im Jahre 1999, als die ersten Programme zur Verfügung standen, die die tägliche Aktualisierung eines Weblogs erheblich vereinfachten und somit auch für HTML-Anfänger möglich machten. Zu den bekanntesten Softwarelösungen, die übrigens auch Weblog-Systeme genannt werden, gehört vor allem Blogger, welches später von Google.com aufgekauft wurde. Nun war es möglich mit wenigen Kenntnissen und in wenigen Minuten ein Weblog zu erstellen und zu pflegen. Durch diese neue Einfachheit explodierte förmlich die Anzahl der Weblogs.

Eine erhöhte Aufmerksamkeit erlebten die meisten Weblogs mit dem 11. September 2001, als die ersten Auswirkungen der Terrorattacken auf das World Trade Center in New York sichtbar wurden. Viele Blogger berichteten schneller, persönlicher und direkter über das Geschehen als die etablierten Nachrichten-Kanäle. Während des anschließenden Afghanistan-Krieges im Winter 2001/2002 versuchten amerikanische Zeitungen und Fernsehsender, sich gegenseitig mit Patriotismus und Regierungsfreundlichkeit zu überbieten. Die meisten Weblogs blieben dagegen sehr facettenreich. Wer in den USA wirklich informiert sein wollte, konnte mit Hilfe von Weblogs hervorragende Beiträge von amerikanischen Intellektuellen erhalten, die sonst in keiner der großen Zeitungen abgedruckt worden wären.

Mittlerweile haben sich Weblogs zu einem bedeutenden Hype innerhalb des Internets entwickelt. Weltweit gibt es bereits über 2.000.000 Weblogs und ein Ende des Booms ist noch nicht absehbar. Beachtlich ist vor allem, dass trotz der hohen Anzahl von Weblogs jedes einzelne eine einzigartige Mischung von unterschiedlichen Inhalten und Ausprägungen darstellt.

Einsatzmöglichkeiten

Das klassische Einsatzgebiet von Weblogs ist das Protokollieren des eigenen Surfverhaltens. Bei einem solchen Weblog schreibt beispielsweise ein Liebhaber von alten Büchern über die Websites, die ihm beim täglichen Surfen auffallen, weil sie gute Hinweise bezüglich dieses Themas beinhalten. Die Blogger finden somit interessante Links, kommentieren diese und sammeln sie schließlich in einer chronologischen Liste. Dadurch wird das Weblog zu einer Art "persönlichem Filter" für ein spezielles Thema.

Der Großteil aller Weblogs hat allerdings eher den Charakter von privaten Tagebüchern. Im Gegensatz zum klassischen Einsatzgebiet steht hier der Blogger selbst im Mittelpunkt. In den Texten berichtet er vor allem über sein tägliches Leben und untermalt sie nur gelegentlich mit weiterführenden Links. Diese Weblogs erinnern ein wenig an einen regen Briefverkehr, wie es ihn beispielsweise zwischen Charlotte von Stein und Johann Wolfgang von Goethe gab. Sie schrieben sich über 1700 Briefe, in denen oft Gedichte, Naturbeschreibungen, Zeichnungen oder Tagebucheintragungen eingestreut waren. Ähnlich wie bei diesen Briefen sind die Inhalte eines privaten Weblogs nicht nur für den Tagebuchschreiber bestimmt, sondern eine Veröffentlichung ist bereits zum Zeitpunkt des Schreibens vorgesehen. Obwohl man auf den ersten Blick meinen müsste, dass diese Weblogs kaum Leser finden, erfreuen sie sich bei den Lesern größter Beliebtheit. Die Leser haben meist das Gefühl, passiv am Leben anderer Menschen teilzunehmen und aktiv den Blogger durch Kommentare zu beeinflussen. Private Tagebücher im Internet sind sozusagen eine moderne Form der Seelsorge bzw. Selbsthilfe.

Im Projektmanagement kann ein Weblog ebenfalls eine zentrale Rolle einnehmen. Zu den Informationen, die in einem solchen Weblog aktuell bereitgestellt werden können, gehören beispielsweise die Ankündigung von Meetings, die Vorstellung neuer Teammitglieder, Änderungen von Zuständigkeiten, Statusberichte, Sitzungsprotokolle, Ergebnisse von Kundengesprächen und kurze Statements zum Fortschritt von Arbeitsgruppen. Bei Bedarf kann dann daraus sogar ein Auszug für Kunden erstellt und via Internet zur Verfügung gestellt werden. Statt die Kollegen mit zahlreichen "Post-It-Notizen" einzudecken, schreibt man die Notiz in das Weblog. Selbst Ideen, Anekdoten oder Geschichten lassen sich darüber austauschen. Es entsteht sozusagen ein alternativer Nachrichtendienst bzw. ein thematisches Pinboard. Kommt zu einem späteren Zeitpunkt noch ein neues Teammitglied hinzu, kann sich der- oder diejenige sehr schnell einen Überblick über den Stand der Dinge machen.

Ein sehr aktuelles Einsatzgebiet sind sogenannte Warblogs. Sie widmen sich hauptsächlich der Aufarbeitung des Attentats vom 11. September 2001 und den darauf folgenden Kriegen in Afghanistan und Irak. Das bekannteste Warblog aus dem Irak-Krieg 2003 ist zum Beispiel das Weblog von Salam Pax, der täglich aus Bagdad über die aktuelle Kriegsentwicklung und deren Auswirkung auf die Zivilbevölkerung berichtete. Neben den Warblogs, die den Charakter eines persönlichen Kriegstagebuchs haben, gibt es zusätzlich auch Warblogs, die sich ausschließlich auf das Sammeln von aktuellen Kriegsberichten spezialisiert haben.

Vorteile

Aufgrund der starken Verlinkung untereinander und der Schaffung von zentralen Linklisten, die einem ständig aktualisierten Nachrichtenticker ähneln, verbreiten sich Informationen in Weblogs meist schneller als in professionellen Nachrichten-Kanälen. Viele Trends werden in Weblogs erheblich früher diskutiert und tragen somit eher zur Meinungsbildung bei. Ein Grund dafür ist wahrscheinlich auch die Tatsache, dass in einem Weblog zwischen dem Schreiben und dem Publizieren von Texten kein Chefredakteur steht.

Daraus resultiert auch ein weiterer Vorteil von Weblogs und zwar die Vielfältigkeit. Durch das Fehlen eines Chefredakteurs muss der Blogger keine Rücksicht auf die Wertvorstellungen eines Verlegers nehmen. Zudem gibt es keine vordefinierten wirtschaftlichen Interessen.

Weblogs können aber auch als Sprungbrett für angehende Journalisten oder Autoren dienen. Hier können sie bedenkenlos ihre eigenen Schreibfähigkeiten ausbauen und direkt am Verbraucher testen. Ab einem bestimmten Bekanntheitsgrad ist schließlich sogar ein Abwerben durch traditionelle Medien möglich. So wurde beispielsweise der bereits erwähnte Warblogger Salam Pax vom Magazin Guardian als regelmäßiger Kolumnist angestellt.

Der wesentlichste Vorteil liegt jedoch in der Nutzung spezieller Weblog-Systeme. Im Gegensatz zu komplexen Content-Management-Systemen sind diese sehr preiswert in der Anschaffung und vor allem einfach zu bedienen. Der Autor benötigt beispielsweise keine HTML-Kenntnisse mehr und kann sich darum vollständig auf das Schreiben qualitativ hochwertiger Texte konzentrieren. Jeder, der Texte erstellen und einen Browser bedienen kann, ist auch in der Lage, ein Weblog zu verwalten. Zudem bieten die meisten Weblog-Systeme die Möglichkeit an, dass Leser die Texte kommentieren können. Dadurch besteht bei einem Weblog die Chance, dass nicht nur neue Informationen in chronologischer Reihenfolge einmalig vom Autor veröffentlicht werden, sondern dass sich diese Informationen durch Mitwirkung der Leser weiterentwickeln können. So können unerwartete Handlungsstränge entstehen, die einen erheblichen Mehrwert darstellen können. Zum Beispiel benutzt der bekannte Blogger Dan Gillmor diese Möglichkeit in Abstimmung mit dem Verlag O’Reilly, um für sein neues Buch "Making the News" Ideen zu sammeln.

Nachteile

Trotz der zahlreichen Vorteile von Weblogs gibt es auch einige Nachteile, deren sich ein Blogger bewusst sein sollte. Bedauerlicherweise beschäftigen sich jedoch nur sehr wenige Blogger mit den möglichen Risiken.
Im Grunde genommen sind Weblogs eine Art gläserne Visitenkarte, da die Blogger in ihren Texte überwiegend ihre persönlichen Meinungen zu unterschiedlichsten Themenkomplexen äußern. Mit Hilfe von Suchmaschinen ist es jedem Internet-Nutzer möglich, diese Meinungen zu finden und dadurch ein Profiling durchzuführen, also ein persönliches Profil des jeweiligen Bloggers zu erstellen. Selbst wenn einzelne Aussagen durch den Blogger wieder gelöscht werden, besteht über die Archivfunktionen von Suchmaschinen weiterhin die Möglichkeit, diese zu lesen.

Beim Betreiben eines Weblogs besteht zudem auch die Gefahr, dass der Blogger süchtig nach Anerkennung durch wird. Am Anfang schreiben Blogger meist nur unrecherchierte Beiträge in ihr Weblog bzw. dokumentieren ihr normales Surfverhalten. Schon nach kurzer Zeit stellen sie jedoch fest, dass immer mehr fremde Internet-Nutzer die eigenen Texte lesen. Aufgrund dieser steigenden Besuchsstatistiken und dem damit verbundenen persönlichen Erfolgserlebnis entwickelt sich bei einigen Weblog-Betreibern eine Art Zwang, diese (un)regelmäßigen Besucher immer häufiger mit noch besseren Texten zu versorgen. Am Ende dieser Entwicklung wird das Weblog nicht mehr als persönliche Webseite angesehen, sondern eher als Bestätigung, die eventuell im realen Leben vermisst wird.

Für Autoren bieten Weblogs auch eine neue Gefahrenquelle, durch die das eigene Urheberrecht verletzt werden kann. In Weblogs ist es nämlich oft üblich, fremde Inhalte zu zitieren und durch dazugehörige Links die eigenen Textbeiträge aufzuwerten. Gerade Unternehmen aus der Medienwelt, die auch im Internet eigene Webseiten betreiben, befürchten zu Recht, dass durch das Zitieren bzw. Verlinken ihr Urheberrecht an ihren Texten verletzt wird. Diese Ängste gibt es zwar schon seit Anfang des Internets, doch erst durch die entsprechenden Weblog-Systeme ist es nun für jeden Internet-Nutzer sehr einfach geworden, Informationen im Internet zu veröffentlichen. Die Hemmschwelle, fremde Inhalte für die eigene Webseite zu verwenden, wurde dadurch erheblich heruntergesetzt.

Zuletzt können Weblogs auch dem Image von Autoren schaden. In den meisten Fällen beziehen sich Blogger in ihren Texten gerne auf andere Weblogs, so dass sie dadurch stark untereinander verlinkt sind. Zudem werden Weblogs häufig durch deren Betreiber aktualisiert. Beide Charakteristiken sind jedoch wichtige Kriterien für Suchmaschinen, wie beispielsweise Google, um eine Rangliste innerhalb der Suchergebnisse zu erstellen. Dadurch kann es passieren, dass bei der Suche nach einem Unternehmen eine kritische Äußerung aus einem Weblog vor der eigentlichen Unternehmenswebseite gelistet wird. Zudem gibt es noch einen anderen Grund, warum Weblogs dem Image eines Autors schaden können: Im Laufe der Zeit haben sich die einzelnen Blogger zu einer starken Community entwickelt, die gemeinsam eine große Aufmerksamkeit erreichen kann. So wurde beispielsweise der bekannte Blogger Jörg Kantel vom Suhrkamp Verlag abgemahnt, weil er in seinem Weblog einen Link auf eine PDF-Datei des neuen Walser-Buches veröffentlicht hat. Auf zahlreichen Webseiten wurde dieses Thema diskutiert und schließlich zu deren Boykott aufgerufen. Aufgrund dieser negativen Stimmung, die am Ende bis in seriöse Online-Magazine und Tageszeitungen hineinreichte, entschloss sich der Suhrkamp Verlag letztlich, die Abmahnung zurückzuziehen.

Hinweis

Dieser Beitrag ist in ähnlicher Form auch im elektronischen Standardlexikon Telekommunikation von A-Z von Heinz Schulte / Interest veröffentlicht worden.
· Telekommunikation von A-Z, 20. Auflage (2006)

Weiterführende Literatur