Weblogs, Wikis und die dritte Dimension

Autor: Sven Przepiorka
Veröffentlichung: 20.01.2005

Im Laufe der letzten Jahre hat sich das Internet zu einem wichtigen Bestandteil der modernen Gesellschaft entwickelt. Millionen von Menschen nutzen mittlerweile die Vorteile des WorldWideWebs, indem sie sich beispielsweise unkompliziert über aktuelle und bereits vergangene Themen informieren. Nachdem es in den Anfangsjahren nur wenigen möglich war, eigene Inhalte im WorldWideWeb zu veröffentlichen, ist heute fast jeder dazu in der Lage. Neben dem rudimentären Editieren von Webseiten per Hand und dem anschließenden manuellen Speichern auf dem Server gibt es zu diesem Zweck vor allem die Content-Management-Systeme. Sie zeichnen sich durch ihre umfangreiche Sammlung von Funktionen aus und bieten dem Anwender jeglichen Komfort. Um damit aber zu brauchbaren Ergebnissen zu kommen benötigen diese Systeme allerdings hohe Investitionen, administrativen Aufwand und eine lange Lernphase. Aus diesem Grund werden sie hauptsächlich auch nur von Unternehmen eingesetzt.

Seit kurzer Zeit kann man jedoch feststellen, dass sich langsam zwei weitere Tools zum Erstellen von Webseiten durchsetzen. Es handelt sich dabei zum einem um Weblogs, die in der Regel aus chronologisch angeordneten Beiträgen bestehen und in regelmäßigen Abständen aktualisiert werden. Und zum anderen handelt es sich um Wikis, die eine Sammlung von frei editierbaren Webseiten darstellen. Beide Tools sind kostenlos erhältlich und darüber hinaus schnell erlernbar.

Was ist ein Weblog?

Die Definitionsversuche für den Begriff Weblog gehen teilweise recht weit auseinander. Nahezu jeder Betreiber eines Weblogs, der umgangssprachlich auch Blogger genannt wird, definiert den Begriff anders. Als wesentlichste Gemeinsamkeit lässt sich aber festhalten, dass es sich bei Weblogs um Webseiten handelt, auf denen Informationen in chronologischer Form aufgelistet werden, die hohe Linkdichte besitzen und meist durch die Leser kommentierbar sind. Dem Inhalt sind dabei keine Grenzen gesetzt . In den meisten Fällen bestehen Weblogs jedoch aus stets aktuellen Beiträgen, die eher persönliche Meinungen als neutrale, sachliche Informationen wiedergeben. Thematisch findet sich in Weblogs eine beachtliche Streubreite. Im privaten Bereich reicht diese beispielsweise von einfachen Linksammlungen, die das Surfverhalten des Autors dokumentieren, über persönliche Tagebücher bis hin zu sehr fachspezifische Beiträgen. Ein mögliches Anwendungsgebiet im Unternehmensumfeld ist dagegen das Projektmanagement. Hier kann ein Weblog beim Verteilen von Informationen eine zentrale Rolle einnehmen wie beispielsweise für Berichte über zugeteilte Aufgaben, Vorstellung neuer Teammitglieder, Änderungen von Zuständigkeiten, Ankündigung von Meetings, Statusberichte, Sitzungsprotokolle, Ergebnisse von Kundengesprächen oder kurze Statements zum Fortschritt von Arbeitsgruppen.

Was ist ein Wiki?

Unter Wikis versteht man dagegen eine offene Sammlung von Webseiten, die für gewöhnlich von jedem Besucher der Webseite online über ein einfaches Formular bearbeitet werden können. Durch spezielle Mechanismen, wie beispielsweise Worterkennung, werden einzelne Seiten in einem Wiki automatisch miteinander verlinkt und es entsteht innerhalb der Sammlung von Webseiten ein umfangreiches Netzwerk an Informationen. Um textbasierten Beiträge auch lesbarer und gegliederter zu gestalten, gibt es in jedem Wiki festgelegte Zeichenkombinationen, die dem eingeschlossenen Text eine spezielle Formatierung zuweisen. Diese so genannten Wiki-Syntax ist sehr viel einfacher aufgebaut als das ansonsten im World Wide Web verbreitete HTML und fördert dadurch das schnellere Schreiben bzw. Gestalten von textbasierten Beiträgen. Wegen ihrer Offenheit gegenüber jedem Benutzer besteht leider immer eine gewisse Gefahr des Vandalismus in einem Wiki. Da jedoch bei jedem Editieren alle Änderungen in einer Historie festgehalten werden, ist ein dauerhaftes Beschädigen von Webseiten in einem gut gepflegten Wiki kaum möglich. Nützliche Hilfsmittel wie das Anzeigen einer "RecentChanges"-Seite, in der die zuletzt gemachten Änderungen im Wiki chronologisch aufgelistet werden, und einer "Diff"-Funktion, welche die Änderungen zwischen zwei Versionen einer Webseite zeigt, erleichtert dabei die Arbeit wesentlich. Mit der Wikipedia, einer offenen Enzyklopädie im WorldWideWeb, gibt es das bekannteste Anwendungsbeispiel für Wikis. Die Enzyklopädie zählt mittlerweile über eine Million erstelle Beiträge in mehr als 70 Sprachen. Aber auch im Projektmanagement finden sich zahlreiche Einsatzmöglichkeiten, wie beispielsweise als Knowledge-Management-System. Die Eigenart eines Wikis ermöglicht, dass dadurch nicht nur das wertvolle Wissen der Mitarbeiter gespeichert, sondern auch durch die einsetzende Eigendynamik ergänzt und damit aufgewertet wird. Das Wissen verschwindet nicht mehr in Email-Programmen, Netzlaufwerken oder persönlichen Bookmarklisten, sondern ist nun personen-, sach- und datumsbezogen erschließbar.

Graphische Darstellung beider Tools

Auf Grund der chronologischen, linearen Anordnung der Beiträge können Weblogs als eindimensional angesehen werden. Die jüngsten Inhalte stehen oben, alle älteren absteigend darunter. Ihre Dimension heißt in diesem Fall "Zeit". Obwohl diese Konzeption die größte Stärke von Weblogs ist, ist sie zugleich auch die größte Schwäche. Denn alles, was sich nicht sinnvoll mit der Dimension "Zeit" darstellen lässt, widerspricht dieser Konzeption und muss mit zusätzlichen Ansichten auf diese lineare Folge geschaffen werden. Ein übliches Hilfsmittel sind dabei Kategorien. Doch auch hier wird letztendlich wieder die Dimension "Zeit" maßgebend, da innerhalb von Kategorien erneut alles chronologisch angeordnet ist. In der Regel sind die meisten Inhalte nicht chronologisch sinnvoll darzustellen. Ihre Vorteile können Weblogs immer nur dann ausspielen, wenn man sich beispielsweise mit Hilfe von einem Kalender innerhalb der zeitlichen Dimension bewegen will.

Betrachtet man Wikis im einfachsten Fall als Glossare, bei denen alle Beiträge alphabetisch angeordnet sind, so können diese ebenfalls als eindimensional angesehen werden. Ihr größter Vorteil besteht darin, dass sie die einzelne Beiträge automatisch miteinander verbinden können und dass man sich dadurch innerhalb der Dimension schnell bewegen kann. Ihre größte Schwäche erleben Wikis dagegen, wenn man zeitliche Bezüge herstellen möchte. In den meisten Wikis können Beiträge nur nach ihrer letzten Änderung sortiert und ausgegeben werden. Dies steht aber häufig im Widerspruch mit dem Zeitpunkt des Ereignisses, über welches im Beitrag geschrieben wird.

Eine Kombination beider Tools

Naheliegend ist demnach eine Kombination, die die Stärken beider Tools miteinander verbindet und die Schwächen des einzelnen Tools sinnvoll behebt. Dauerhafte Informationen, wie zum Beispiel Protokolle eines Meetings, werden dabei im Wiki gespeichert. Über Beiträge im Weblog wird dagegen auf die Existenz von jedem Protokoll hingewiesen und zeitlich eingeordnet. Es entsteht ein zwei-dimensionales Koordinatensystem.

Innerhalb des Koordinatensystems bestehen zwischen Wiki und Weblog eine 1:n-Beziehung. In einem einzelnen Weblog-Beitrag kann auf mehrere Wiki-Seiten ein Bezug hergestellt werden, sowie auch von einer einzelnen Wiki-Seite zu mehreren Beiträgen aus dem Weblog.

Erweiterte Möglichkeiten

Durch geschickte Auswahl der Namen für die einzelnen Wiki-Seiten können dann durch den Benutzer zudem Gruppierungen eingerichtet werden, die für weitere automatische Querverweise innerhalb des Wikis und des Weblogs benutzt werden können. So kann zum Beispiel die Wiki-Seite "Protokolle" auf alle angelegten Protokolle verweisen, die Wiki-Seite "ProtokolleMeetings" nur noch auf alle Protokolle von Meetings und schließlich "ProtokollMeeting20041005" auf ein bestimmtes Protokoll eines Meetings. Der Name einer Wiki-Seite wird zur Kategorie, wobei dieser wiederum eine Untermenge einer bestehenden Kategorie sein kann.

Wird dieses Konzept nun auf das zwei-dimensionalen Koordinatensystem übertragen, so entsteht eine Auswahl von Themen, die beim Anzeigen des Weblog-Beitrages als zusätzliche Informationen relevant sein können. So kann es im skizzierten Beispiel vorteilhaft sein, wenn bei der Ankündigung eines neuen Meetings nicht nur der Link zu der Wiki-Seite des neuen Meetings angezeigt wird, sondern auch die Links zu den bereits vergangenen Meetings.

Ähnlich kann man verfahren, wenn der Name einer Wiki-Seite in Beiträgen des Weblogs als Schlüsselwort angegeben wird. Wobei es dabei keine Rolle spielt, ob sich das Schlüsselwort direkt im Textinhalt befindet oder nur versteckt in der Datenbank angelegt wird. Es entsteht erneut ein relevanter Bezug von unterschiedlichen Themen. Im Projektmanagement kann sich u.a. dann als nützlich erweisen, wenn mit dem Erstellen einer Wiki-Seite und einem entsprechenden Beitrag im Weblog ein Meeting lange Zeit vor dem eigentlichem Termin angekündigt wird und in jedem Weblog-Beitrag, dass für das Meeting relevant sein wird, der Name der dazugehörigen Wiki-Seite als Schlüsselwort angegeben wird. Während des Meetings können dann alle relevanten Weblog-Beiträge durchgegangen und im Protokoll festgehalten werden.

Die dritte Dimension

Im Laufe der Zeit kann es auf Grund der Masse von Wiki-Seiten und Weblog-Beiträgen schwierig werden, die relevantesten Bezüge herzustellen. Um dieses Problem zu lösen, bietet sich an, dem Koordinatensystem eine dritte Dimension hinzuzufügen. Diese weitere Achse ist numerisch skaliert und zeigt ähnlich der Pagerank-Technologie von Google die Gewichtung an. Dabei werden sowohl die einzelnen Inhalte vom Weblog bzw. Wiki gewichtet als auch deren Bezugspunkte.

Für die Gewichtung der Inhalte lassen sich unterschiedliche Kriterien aufstellen. Dies kann beispielsweise die Anzahl der darauf verweisenden Links sein, die Anzahl der Besucher, etc sein.

Hinweis

Diese Publikation ist als eine kurze Einführung in die Doktorarbeit von Sven Przepiorka zu verstehen. Die Einführung verzichtet bewusst auf wissenschaftliche Formulierungen und umfasst nicht die gesamte Forschungsarbeit.

Weiterführende Literatur