Publikationen - Wikis - eine Einführung

Autor: Sven Przepiorka
Veröffentlichung: 17.01.2004

Neben Weblogs etabliert sich im WWW auch zunehmend die revolutionäre Idee von Wikis. Ähnlich wie bei Weblog-Systemen handelt es sich dabei um eine neue Form von Content-Management-Systemen, mit deren Hilfe selbst Laien auf einfache Art und Weise eigene Inhalte im WWW schnell publizieren können.

Das Prinzip

Unter Wikis versteht man eine offene Sammlung von Webseiten, die für gewöhnlich von jedem Besucher der Webseite online über ein einfaches Formular bearbeitet werden können. Einzelne Seiten werden in einem Wiki meist bereits automatisch verlinkt. Immer wenn mehrere Wörter in Großschreibung aneinander geschrieben werden wie beispielsweise WikiWiki, wird dies als Titel einer neuen Webseite interpretiert und mit dieser Seite verknüpft. Mit einem Klick öffnet sich dann die Webseite, sofern sie bereits mit einem Inhalt hinterlegt ist. Ansonsten öffnet sich ein Formular und man kann sofort mit dem Schreiben von Texten beginnen. Da der Name einer neuen Webseite immer erst auf einer anderen Webseite eingetragen werden muss, um die Webseite auch in der Sammlung anlegen zu können, ist immer gewährleistet, dass neue Webseiten mit bereits im Wiki vorhandenen verknüpft sind. Unerreichbare Inhalte sind dadurch nicht möglich.

Ein Wiki ist eine offene Sammlung von
Webseiten, die von jedem editiert werden können

Jedoch gilt das Setzen von Verweisen mit Hilfe von zusammengesetzten Wörtern, welches auch das CamelCase-Schema wegen den hervorstehenden Großbuchstaben genannt wird, als äußerst unschön. Die Lesbarkeit einer Wiki-Seite wird durch die ungewohnte Zusammenstellung von Wörtern erheblich gestört. Daher gibt es in den meisten Wiki-Systemen auch die Möglichkeit, Links mit einem weiteren Verfahren anzugeben. Innerhalb von doppelten eckigen Klammern wird zunächst der Name der Wiki-Webseite angegeben und dann kann durch ein Leerzeichen getrennt eine optionale Beschreibung des Links folgen.

Um den Text auch ansonsten lesbarer und gegliederter zu gestalten, gibt es in jedem Wiki-System festgelegte Zeichenkombinationen, die dem eingeschlossenen Text eine spezielle Formatierung zuweisen. Diese so genannten Tags werden im Formular an entsprechender Stelle eingegeben. Beispielsweise wird aus '''fetter text''' ein fett formatierter Text. Die Gesamtheit dieser Tags wird als Wiki-Syntax bezeichnet und unterscheidet sich in jedem Wiki nur minimal. Allen Tags ist jedoch gemeinsam, dass sie einfacher aufgebaut sind, als das ansonsten im World Wide Web verbreitete HTML. Diese Beschränkung auf die wesentlichen Möglichkeiten beim Gestalten von Texten ermöglicht es selbst Laien, sich schnell in die Eigenschaften eines Wikis einzuarbeiten und so auch am Erfolg des Wikis teilzunehmen.

Der Begriff Wiki ist eine Abkürzung von dem hawaiianischen Wort "wikiwiki" und bedeutet soviel wie "schnell".

Vandalismus

Wegen ihrer Offenheit gegenüber jedem Benutzer besteht natürlich eine gewisse Gefahr des Vandalismus in einem Wiki. Keine Software kann momentan automatisch unterscheiden, ob es sich bei der Änderung einer Wiki-Seite um eine sinnvolle Ergänzung oder um einen ungewünschten Spam-Vorgang handelt. Daher bieten die meisten Wiki-Lösungen eine "RecentChanges"-Seite an, in der die zuletzt gemachten Änderungen im Wiki chronologisch aufgelistet werden. Wird anhand dieser Liste eine Zerstörung einer Wiki-Seite identifziert, besteht in der Regel die Möglichkeiten, die Webseite auf eine frühere Version zurückzusetzen. Zu diesem Zweck werden bei jedem Editieren die Änderung in einer Historie festgehalten, die meist bis zur ersten Version zurückreicht. Eine "Diff"-Funktion, welche die Änderungen zwischen zwei Versionen einer Webseite zeigt, kann dabei die Arbeit wesentlich erleichtern.

In Wikis gibt es die stetige Gefahr
vor Vandalismus durch fremde Besucher

Mit diesen Hilfsmittel ist ein dauerhaftes Beschädigen von Wiki-Seiten kaum möglich. Problematisch wird es nur dann, wenn das Wiki von seinen Administratoren und Lesern vernachlässigt und daher nicht regelmäßig überprüft wird.

Geschichte/Entstehung

Die dokumentierte Geschichte der Wikis beginnt am 16. März 1995 mit einer ergreifend schlichten Email von Ward Cunningham, einem amerikanischen Software-Designer, an einen gewissen Steve:

"Steve - ich habe eine neue Datenbank auf meinem Web-Server installiert und bitte Dich, mal einen Blick darauf zu werfen. Es ist ein Web von Menschen, Projekten und Mustern, auf das man über ein cgi-bin-Skript zugreifen kann. Es bietet die Möglichkeit, ohne HTML-Kenntnisse mit Formularen Text zu editieren. Es wäre schön, wenn Du mitmachen oder wenigstens Deinen Namen in der Liste der RecentVisitors eintragen könntest. Die URL ist http://c2.com/cgi-bin/wiki - danke schön und beste Grüße."

Mehr Informationen waren nicht nötig, um weitere Personen von der Idee von Wikis zu begeistern. Cunningham beschäftigte sich damals mit Entwurfsmustern, die in der Software-Entwicklung für möglichst allgemeine Standardlösungen für wiederkehrende Probleme stehen. Um solche Muster archivieren und um die Zusammenarbeit zu Entwicklern aus aller Welt erleichtern zu können, programmierte Cunningham eine einfache Datenbank für Entwurfsmuster, die er WikiWikiWeb nannte.

Obwohl die Idee von Wikis schnell in einem engen Kreis von Wissenschaftlern und Software-Entwicklern zahlreiche Anhänger fand und obwohl sich auch viele Wikis zu fast jedem erdenklichen Thema etablierten, fristeten Wikis dennoch im Internet eine lange Zeit ein Schattendasein. Wer zufällig über Google auf eine Wiki-Webseite gelangte, nahm in der Regel nur die befremdliche Syntax, das rudimentäre Design und mit etwas Glück noch eine Zusammenfassung des Prinzips von Wikis auf. Doch in den meisten Fällen konnten die Besucher wenig mit dem Leitsatz "jeder kann alles editieren" anfangen und verließen schließlich das Wiki ebenso schnell, wie sie die Webseite gefunden hatten.

Dies änderte sich aber, als im Januar 2001 das Wiki-Prinzip erstmals auf eine Enzyklopädie angewendet wurde. Larry Sanger war zum damaligen Zeitpunkt Chefredakteur vom Nupedia-Projekt, einer vom Internet-Unternehmer Jimmy Wales unterstützten Enzyklopädie im Internet. Zwar sollten die Inhalte bei diesem Projekt interessierten Leser frei zugänglich angeboten werden, jedoch unterlagen die Inhalte der freiwilligen Mitarbeiter zunächst einer strengen Qualitätskontrolle, die aus qualifizierten Experten und einem bürokratischen Veröffentlichungsprozess bestand. Obwohl sich zahlreiche Autoren zu einer Mitarbeit bereiterklärten, scheiterte das Projekt auf Grund der wachsenden Bürokratie kläglich. Jedoch hielt der Chefredakteur Larry Sanger an der Idee einer freien Enzyklopädie fest und starte mit der Wikipedia einen neuen Versuch auf Basis des Wiki-Prinzips. Nun waren nicht nur die bereits erstellen Inhalte für den Leser frei zugänglich, sondern auch jeder Leser konnte sich völlig frei an der Weiterentwicklung der Inhalte beteiligen.

Die freie Enzyklopädie Wikipedia
ist das größte Wiki der Welt

Kaum vier Jahre später ist die Wikipedia das mit Abstand größte Wiki auf der Welt. Es zählt über eine Million erstellte Beiträge in mehr als 70 Sprachen. Mit seiner wachsenden Beliebtheit trägt die Wikipedia erheblich dazu bei, dass die Idee hinter dem Wiki-Prinzp einen immer größeren Nutzerkreis erschließt.

Einsatzmöglichkeiten

Wie das Beispiel der offenen Enzyklopädie Wikipedia zeigt, eignen sich Wikis optimal, um Wissen in sprachlicher Form zu speichern. Jedoch gibt es auch zahlreiche weitere Anwendungsmöglichkeiten wie beispielsweise im Projektmanagement.

Ein Wiki ist in seiner heutigen Form sicher nicht die Lösung für alle Aufgaben des Projektmanagement. Doch die genannten Einsatzmöglichkeiten zeigen, dass es durchaus Anwendungsbereiche gibt und in Zukunft immer mehr geben wird, für die Wikis die beste Lösung darstellen, wenn nicht sogar die einzige Lösung überhaupt.

Hinweis

Dieser Beitrag ist in ähnlicher Form auch im elektronischen Standardlexikon Telekommunikation von A-Z von Heinz Schulte / Interest veröffentlicht worden.
· Telekommunikation von A-Z, 20. Auflage (2006)

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